Wo der Tiroler Zwetschgenschnaps gebrannt wird

 

Das Brennereidorf auf der Sonnenterrasse

Auf einer Seehöhe von knapp über 1.000 Metern befindet sich die kleine Ortschaft Stanz. Oberhalb der Bezirksstadt Landeck und unweit der Skizentren St. Anton und Ischgl gelegen, gedeiht hier die Stanzer Zwetschge für einen erlesenen Zwetschgenschnaps. Nirgendwo in Österreich ist die Dichte an Schnapsbrennereien größer als in Stanz.

Der kleine Ort mit seinen etwas über 600 Einwohnern gilt als höchstgelegenes Obstbaudorf von ganz Europa. Zu verdanken hat Stanz dies seiner besonderen geografischen Lage. Geschützt von hohen Bergen im Norden, liegt Stanz genau gegenüber dem Eingang zum Oberinntal Richtung Rechenpass, Engadin und Samnaun. Kein Ort in Tirol bringt es auf eine höhere Anzahl an Sonnenstunden und keiner auf bessere Bedingungen für die Reifung von Obst und die Entwicklung von Fruchtaroma und hohem Zuckeranteil, dazu die warmen Herbsttage und kühlen Nächte.

 

Zwetschge

Seit Jahrhunderten gedeiht hier die Zwetschge. Vor allem ist es eine Sorte, die längst unter dem Namen „Stanzer Hauszwetschge“ bis nach München und Wien bekannt und beliebt ist. Vermutlich hat sie ein Pilger im 14. Jahrhundert aus dem südbadischen Kaiserstuhlgebiet mitgebracht, wo die größte mitteleuropäische Steinobstanbauregion zuhause ist. Anderen Quellen zufolge war es der später heiliggesprochene niederländische Jesuitenmönch Petrus Canisius im 16. Jahrhundert. Egal, wer einmal eine Stanzer Zwetschge gegessen hat, er wird sie wiedererkennen: Dafür sorgen der würzige Geschmack und das besondere Aroma, dazu kommt als Erkennungszeichen ihre relativ kleine Fruchtgröße.

Lange Zeit baute man in Stanz die Zwetschgenbäume nur an den Feldrändern und auf schlechten Böden an; erst vor gut 50 Jahren änderte sich das radikal. Heute stehen auf einer Fläche von 25 Hektar an die 10.000 Bäume, von denen jeder im Durchschnitt 30 bis 40 Kilogramm „Grumpflig“ trägt – so lautet der lokale Name für die Stanzer Hauszwetschge. Landwirtschaftliche Vollerwerbsbetriebe gibt es nur noch zwei, zugleich ist ein großer Teil der rund 150 ansässigen Familien im Nebenerwerb mit Obstbau beschäftigt, sehr viele davon verarbeiten ihr Obst zu schmackhaften Marmeladen, vor allem aber zu Schnaps. 54 Brennanlagen befinden sich im Ort, dort werden von rund 90 Erzeugern Edelbrände und Zwetschgenschnaps hergestellt. Für den klassischen Edelbrand aus der Stanzer Hauszwetschge wurde das fast vergessene Tiroler Wort „Giggus“ wiederentdeckt.

Zwetschgenschnaps in bester Qualität

Die Qualität dieser Schnäpse ist so hoch, dass die Stanzer nicht nur die seit 15 Jahren durchgeführte Tiroler Schnapsprämierung dominieren, sondern mit ihren Spitzenprodukten auch bei internationalen Wettbewerben erfolgreich sind. Schön daran ist, dass die Bemühungen der Stanzer Brenner maßgeblich dazu beigetragen haben, in ganz Tirol die Qualität der meist bäuerlichen Schnaps- und Likörerzeugung in bis dahin unerreichte Höhen zu führen. Das wiederum ließ die Stanzer nicht ruhen und so gründeten sie 2008 den Verein „Brennereidorf Stanz“, dessen Ziel eine weitere Qualitätssteigerung der Edelbrände, die Verknüpfung mit den touristischen Betrieben der Region, die Gestaltung von Präsentationsräumen für die Produkte rund um den Schnaps und ein umfassendes Marketing ist. 2010 hat der Verein erstmals auch unter dem Namen „brenn.kunst.stanz“ ein eigenes Gütesiegel für die Stanzer Edelbrände entwickelt, das nun in Gold, Silber und Bronze auf den Etiketten der besten Schnäpse prangt.

Inzwischen gibt es 14 Brennereien, die darauf eingerichtet sind, Besucher zu empfangen. Dazu gehört eine Besichtigung der Brennanlagen ebenso wie ein gemütlicher Verkaufsraum zur Verkostung. Die technische Bandbreite reicht von klassischen Destillieranlagen aus Kupfer bis zu Hightech-Betrieben, in denen Edelstahl das dominierende Material ist. Gemeinsam ist allen, dass neben Erfahrung und konsequenter Weiterbildung inzwischen in fast allen Brennereien komplexe Computersteuerungen helfen, dass nur die besten Tropfen des Destillats bei den Konsumenten landen.

Während sich ein Teil der Brenner weiterhin auf Zwetschgenschnaps aus der Stanzer Hauszwetschge und den Spänling, eine Wildpflaumenart, konzentriert, setzen manche inzwischen auch andere Obstsorten ein. Dazu zählen in Stanz früher nicht produzierte Zwetschgensorten, aber auch Äpfel, Birnen und verschiedene Beeren. Einige Brenner kaufen auch Obst zu, wobei die Palette bis zu exotischen Früchten reicht. Einer, der auf diese Strategie setzt und es damit zu internationalen Ehren gebracht hat, ist Christoph Kössler. Er erzeugt über 40 verschiedene Edelbrände und greift auch auf Bananen und Karotten als Rohstoff zurück. Kösslers Brände finden sich in der internationalen Spitzengastronomie und im Gault Millau überzeugte die „Eleganz und Subtilität seiner Destillate“ so sehr, dass er in der Kategorie „Beste Edelbrände der Welt“ ausgezeichnet wurde. Eine Überraschung bietet auch das wunderschöne alte Bauernhaus, in dem sich Kösslers Hightech-Destillerie befindet – es ist das Geburtshaus des Barockbaumeisters Jakob Prandtauer (1660 – 1727), dem unter anderem das Stift Melk in Niederösterreich zu verdanken ist.

Zur besseren Verknüpfung der Stanzer Zwetschge mit der Gastronomie des Bezirks Landeck haben der Haubenkoch Herbert Osl und der Getränkeexperte Richard Reinalter Rezepte rund um die berühmte Steinfrucht entwickelt. Das Ergebnis kann man nicht nur in den Restaurants konsumieren, sondern dank des „Stanzer Zwetschgenkochbuchs“ inzwischen auch nachkochen. Etwa ein Zwetschgenketchup oder verschiedene Beilagen zu Ente, Hirsch und Fisch. Seit 2005 bietet das Dorffest „Stanz brennt“ Anfang September u. a. die Möglichkeit zur Verkostung von Zwetschgenspezialitäten aller Art.

Stanz ist auch eine der österreichischen Genuss Regionen. In Tirol ist die Genuss Region Stanzer Zwetschge eines von zwölf Gebieten, das mit besonderen und zugleich traditionellen Nahrungsmitteln zu den kulinarischen Identitätsstiftern zählt.

In Stanz fühlen sich aber nicht nur die Zwetschgen wohl. In dieser Landschaft ist es dank der sonnigen Gunstlage zu allen Jahreszeiten einen Besuch wert. Der Herbst hat seinen besonderen Reiz mit den frisch geernteten Früchten, im Frühjahr ist ein Spaziergang in sanfter Hanglage durch das Blütenmeer tausender Obstbäume ein Erlebnis. Das kleine Dorf Stanz hat es verstanden, sich auf seine Besonderheit zu konzentrieren – auf den Obstanbau im alpinen Ambiente und die Verarbeitung zu edlen Schnäpsen. Behutsam hat man es in den letzten Jahren verstanden, seine Stärken weiterzuentwickeln und diese den Gästen auch zu präsentieren.

Tipp:

Ein alljährliches Highlight ist das Fest Stanz brennt. Dieses findet meist Anfang September statt. Hier ist dann das ganze Dorf auf den Beinen. Zahlreiche Schnapsbrennereien öffnen ihre Tore und jedermann kann das sonnengereifte Obst nicht nur im Schnaps sondern auch in Zwetschkenkuchen, Marmelade usw. des Brennereidorfs verkosten.

Stanzer Zwetschke

Stanzer Zwetschke. (c) Archiv TVB TirolWest

 

LINKTIPPS:

Gemeinde Stanz
6500 Stanz bei Landeck
Tel.: +43 5442-64237
www.stanz.tirol.gv.at

Brennereidorf Stanz
6500 Stanz bei Landeck
Tel.: +43 676 53 500 53
www.brennereidorf.at

Feindestillerie Christoph Kössler
6500 Stanz 57
Tel.: +43 5442-61200

Brennerei Stefan Nothdurfter
6500 Stanz 162
Tel.: +43 5442-66963
E-Mail: giggus@msn.com

BUCHTIPP:

Brand am Herd – Kochen mit Likör und Edelbränden
Jürgen Schmücking und Andrea Knura
ISBN: 978-3-704-02392-6
128 Seiten, avBUCH-Verlag, € 12,90
www.lucullus.at/brand-am-herd-kochen-mit-likoren-und-edelbranden.html


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