Wien, sein Zentralfriedhof und der Tod

Wien und Tod: Das ist eine besondere Beziehung – sentimental, melancholisch und mitunter fast leidenschaftlich. Opulente Beerdigungen mit einem großen Gefolge von Trauernden sind immer noch an der Tagesordnung. Und an Allerheiligen und Allerseelen Anfang November, wenn man sich an die Toten erinnert, strömen Tausende von Wienern zum Zentralfriedhof, eine der größten Begräbnisstätten Europas. Irgendwie scheint das logisch: Die Wiener lieben einfach das Leben. Daher lieben sie auch den Tod, die andere Seite des Lebens.

Es klingt ein bisschen wie ein Klischee, aber die Wiener haben tatsächlich eine besonders enge Bindung zum Tod im Vergleich zu anderen Stadtbewohnern. Die Todessehnsucht scheint ihre Wurzeln in Wien zu haben. So dient etwa der Zentralfriedhof zugleich als eine der größten Erholungsgebiete innerhalb der Stadtgrenzen. Die sterblichen Überreste von Mitgliedern der kaiserlichen Familie ruhen hier in Krypten. Und ganze Museen widmen sich den Kuriositäten und Absurditäten rund um den Tod.

Es kann kein Zufall, dass Sigmund Freud die Todessehnsucht ausgerechnet in Wien entdeckt hat, dass Johann Strauß Vater und Sohn, beide durch die Angst vor Reisen, Alter, Krankheit und Tod gequält, hier ihre unsterbliche Musik komponierten: den Wiener Walzer, unter dessen scheinbar glückseligen Fassade Melancholie und Trauer stecken.

Zentralfriedhof – Platz für drei Millionen Menschen

Er ist die zweitgrößte Begräbnisstätte in Europa (nach dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg), mit einer Fläche von 2,4 Quadratkilometern und mehr als 330.000 Gräbern, in denen drei Millionen Menschen ruhen. Zugleich ist der Wiener Zentralfriedhof so etwas wie eine Wiener Institution. Stadtbewohner besuchen ihn gerne im Zuge eines Familienausflugs. Zur Besichtigung steht sogar eine Pferdekutsche zur Verfügung am Stand vor dem Haupteingang.

Gebaut nach geomantischen Prinzipien soll der Park den Trauerprozess unterstützen. Es gibt auch ein Babyfriedhof, und die Bewohner der Stadt, die ihre sterblichen Überreste der medizinischen Wissenschaft zur Verfügung stellen, sind im anatomischen Friedhof beigesetzt. Naturbestattungen können am Waldfriedhof sowie im Garten der Erinnerung, die Ende 2013 eröffnet wurde, durchgeführt werden. Hier stehen Urnen in den Wurzeln von ausgewählten Bäumen und blühenden Sträuchern. Der Name des Verstorbenen wird auf einer Gemeinschaftsgedenktafel verewigt.

Nichts ist zu teuer für die Ewigkeit; zumindest scheinen das die Wiener zu denken. Eine Schöne Leich (“schöne Beerdigung”) umfasst die Beisetzung im großen Stil mit einem traditionellen Pferdegespann, professionellen Sprechern am offenen Grab und einem opulenten Leichenschmaus. Über die Hälfte aller Hinterbliebenen wählt das teure “Begräbnis erster Klasse”.

Das Wiener Konzept einer schönen Beerdigung ist nicht ausschließlich die Domäne der menschlichen Bewohner der Stadt. Haustiere, von denen es in der österreichischen Hauptstadt viele gibt, werden ebenfalls gerne stilvoll beigesetzt.

In der Stadt mit ihren rund 1,7 Millionen Einwohnern tummeln sich unzählige Hunde, und schätzungsweise 15 Prozent der Haushalte verfügen über Katzen. Im Jahr 2011 wurde der erste Wiener Tierfriedhof eröffnet, komplett mit Totenkapelle, Krematorium, Denkmälern mit Inschriften und für zahlungskräftige Besitzer auch mit Grabsteinen ​​einschließlich Grabpflege.

Kuriositäten der Wiener Bestattungskultur

Die Ausgaben der Wiener für Beerdigungen beschäftigten schon Kaiser Joseph II. Im Jahr 1785 verordnete er sozusagen ein Sparmodell: einen Sarg mit einer Klappe auf der Unterseite, durch die der Leichnam in das Grab fallen gelassen werden konnt. Das ermöglichte die Weiterverwendung des Sargs. Doch die Wiener waren mit dieser Neuerung nicht einverstanden. Sie zeigten ihre Empörung in Unruhen und Protestmärschen und zwangen den Regenten, sein Edikt zurückzunehmen.

Einer dieser „Sparsärge“ ist im Bestattungsmuseum Wien zu sehen. Zu den rund tausend Exponaten rund um den Totenkult gehören Schärpen, Totengräber-Zubehör, Urnen, Särge, Leichenwagen, und ein sogenannter “Sitzsarg” sowie Erfindungen wie die “lebensrettende Glocke”, mit dem Menschen, die nicht wirklich tot waren, die Aufmerksamkeit der Trauernden von innerhalb ihrer Särge erwecken konnten. Diese Erfindung wurde später durch einen Alarmknopf verdrängt. Die Angst, lebendig begraben zu werden, war durchaus berechtigt. Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts dürfte der Anteil der Scheintoten bei 0,5 bis 2 Prozent gelegen sein! Um diesem Schicksal zu entgehen, verfügten viele Menschen in ihrem Letzten Willen, dass man ihnen vor dem Begräbnis ins Herz stechen oder die Adern öffnen möge. Die entsprechenden Werkzeuge sind ebenfalls im Bestattungsmuseum zu sehen.

Keine Begräbnisse mehr im Stadtzentrum

Über viele Jahrhunderte wollten die Wiener ihre Toten so nah bei ihren Häusern wie möglich begraben. Die größten Friedhöfe wurden daher im Zentrum der Stadt, nahe dem Stephansdom, St. Ruprecht und dem Schottenstift angelegt. Diese Praxis kam zu einem Ende während der Herrschaft von Kaiser Joseph II.. Der Reformer verbot Bestattungen in Kirchen und Krypten in der Mitte der Stadt, die vor allem bei Epidemien aus allen Nähten platzten. Er verlegte die Bestattungen in Vororte wie Währing oder Matzleinsdorf, die heute längst ein Teil des Stadtgebietes sind. Bereits hundert Jahre später waren diese Friedhöfe wieder von Wohnhäusern umgeben.

Der Zentralfriedhof, Wiens große “Stadt der Toten” in Simmering, wurde 1874 gegründet. Heute steht er Katholiken, Protestanten und Juden offen; es gibt islamische und christlich-orthodoxe Abschnitte. Ebenso Bereiche für Buddhisten und Mormonen.

Von architektonischem Interesse ist das Krematorium gegenüber dem Haupteingang von Clemens Holzmeister, das in den Jahren 1922 bis 1923 gebaut wurde.

Die Ehrengräber – Curd Jürgens bis Arthur Schnitzler

Die Ehrengräber auf dem Zentralfriedhof sind auf einer kostenlosen Karte, die am Haupteingang erhältlich ist, verzeichnet. Sie führt die die Besucher zu den letzten Ruhestätten von so bekannten Persönlichkeiten wie Johannes Brahms, Johann Strauß Vater und Sohn, Ludwig van Beethoven, Wolfgang Amadeus Mozart (Gedenkstein), Franz Schubert, Arthur Schnitzler (in der jüdischen Sektion) oder Curd Jürgens.

Im Jahr 2013 fand eine Einweihungsfeier an der nationalen Gedenkstätte für die Opfer der NS-Justiz auf dem Zentralfriedhof statt. Eine Gedenktafel an diesem Platz erinnert an etwa 2.000 Menschen, die vom Naziregime ermordet wurden.

Mozart im Friedhof St. Marx

Der Friedhof St. Marx hat seinen ursprünglichen Charakter bewahrt. Dieses einzigartige Gräberfeld, der einzige Biedermeier-Friedhof in Wien, bietet eine bezaubernde und sehr romantische Atmosphäre. Die von Efeu bewachsenen Grabsteine​​, Inschriften zum Gedenken an Industrielle oder den wohlhabenden Adel, die langen Alleen und, besonders wichtig, dem ehemaligen Massengrab, in dem Mozart ursprünglich begraben wurde, haben aus ihm eine besondere Pilgerstätte für Melancholiker und Romantiker gemacht.

Beliebt sind auch die stilvollen Friedhöfe von Hietzing, Grinzing, Döbling und Heiligenstadt mit ihren vielen Gräbern von zeitloser Eleganz. Und der jüdische Friedhof in der Seegasse ist wirklich etwas Besonderes. Über 400 Jahre alt, wurde er von den Nazis verwüstet und erst 1984 wieder eröffnet.

Der Friedhof der Namenlosen befindet sich weit vom Zentrum der Stadt entfernt an den Ufern der Donau im Alberner Hafen. Hier wurden namenlose Unfallopfer und Personen, deren Identität nicht festgestellt werden konnte, begraben.

Die Kaisergruft

Kaiser Ferdinand III verfügte, dass das Gewölbe der Kirche der Kapuziner als offizielle Begräbnisstätte der Habsburger dienen sollte. Rund 150 Personen sind hier beigesetzt. Alle – mit einer Ausnahme, einer Erzieherin der Kaiserin Maria Theresia – sind Mitglieder der Habsburger-Dynastie.

Ein großer Doppelsarkophag mit lebensgroßen Figuren beherbergt die Gebeine der Kaiserin Maria Theresia und ihres Gemahls Franz Stephan von Lothringen. Joseph II. ruht bescheiden in einem einfachen Kupfersarg. Kaiser Franz Joseph fand neben Kaiserin Sisi und Kronprinz Rudolf die letzte Ruhe. Sein Bruder, Kaiser Maximilian I., der in Mexiko ermordet wurde, findet Platz in einem neuen Gewölbe, das in den 1950er Jahren eröffnet wurde. Auch Österreich letzte Kaiserin Zita wurde 1989 pompös und unter großem Medienaufgebot neben ihren Verwandten in der Kaisergruft beerdigt, wo Nachfahren der Habsburger Linie auch heute noch bestattet werden. Etwa im Jahr 2011 Dr. Otto Habsburg-Lothringen, der erstgeborene Sohn des letzten Kaiserpaares Karl I. und Zita. Einer der Brüder Ottos, Carl Ludwig, wurde ebenfalls im Jahr 2008 hier begraben.

Grauenhaft, aber wahr: Nach einem unveränderlichen Ritual wurden die Körper der Habsburger früher an drei Orten begraben. Die Herzen wanderten in eine Gruft der Augustinerkirche in eine silberne Urne. Die Därme wurden in Kupferurnen in die Herzogsgruft in den Stephansdom gebracht. Und die “verbleibenden Reste” wurden einbalsamiert und in der Kaisergruft beigesetzt.

Die Katakomben

Führungen durch die Katakomben des Stephansdoms sind ein etwas makaberes Erlebnis. Sie enthalten die Knochen von Tausenden von Wienern, die aus dem früheren Friedhof des Doms auf Befehl von Kaiser Joseph II. exhumiert wurden. Auch in der Krypta der Kirche St. Michael ruhen immer noch Tausende von Knochen, mehrere hundert Särge und – aufgrund der besonderen klimatischen Bedingungen – einige hervorragend erhaltene Mumien in ebenso gut erhaltene Kleidung.


ÜBERSICHT DER WIENER FRIEDHÖFE

Bestattungsmuseum Wien

Wiener Zentralfriedhof, Tor 2 Haupteingang, unter Aufbahrungshalle 2, Simmeringer Hauptstraße 234, 1110 Wien

www.bestattungsmuseum.at

Zentralfriedhof

Simmeringer Hauptstraße 234, 1110 Wien

www.friedhoefewien.at

November-Februar 8-17 Uhr, März + Oktober 7-18 Uhr, April-September 7-19 Uhr, Mai-August jeden Donnerstag bis 20 Uhr

Friedhof der Namenlosen

Alberner Hafenzufahrtsstraße, östlich des Hafenareals, 1110 Wien

www.friedhof-der-namenlosen.at

Friedhof rund um die Uhr zugänglich, Kapelle und Totenkammer nach tel. Vereinbarung

Friedhof St. Marx

Leberstraße 6-8, 1030 Wien,

April, Oktober 7-17 Uhr, Mai, September 7-18 Uhr, Juni-August 7-19 Uhr, November-März 7 Uhr bis Einbruch der Dunkelheit

Herzgruft

In der Augustinerkirche, Eingang vom Josefsplatz, 1010 Wien

www.augustinerkirche.at

Führungen jeweils sonntags nach dem Hochamt, ca. 12.15 Uhr und nach Voranmeldung

Jüdischer Friedhof

Seegasse 9-11, 1090 Wien (Eingang durch das Pensionistenheim

www.wien.gv.at/umwelt/parks/anlagen/seegasse.html

Mo-Fr: 7-15 Uhr

Kaisergruft (Kapuzinergruft)

Neuer Markt/Tegetthoffstraße, 1010 Wien

www.kaisergruft.at

täglich 10-18 Uhr

Michaelerkirche

Michaelerplatz 5, 1010 Wien

www.michaelerkirche.at

Gruftführungen: Tel. +43-650 533 80 03, November – Ostern Do, Fr und Sa 11 und 13 Uhr, Ostern – Oktober Mo – Sa 11 und 13 Uhr (jeweils außer an kirchlichen Feiertagen) und nach Vereinbarung

Islamischer Friedhof

Großmarktstraße 2a, 1230 Wien

www.derislam.at

Mo-Fr 7.30-16.30 Uhr, Sa, So, Feiertage:  7.30-15:30 Uhr

Josephinum (Museum des Instituts der Geschichte der Medizin)

Währinger Straße 25, 1090 Wien, Tel. +43-1-401 60-260 00, www.meduniwien.ac.at/josephinum

Fr – Sa 10-18 Uhr

St. Stephan

Stephansplatz, 1010 Wien

www.stephanskirche.at

Katakombenführungen: Mo – Sa 10-11.30 Uhr und 13.30-16.30, So und Feiertage 13.30-16.30 Uhr

Tierfriedhof Wien

Simmeringer Hauptstraße 339 (gegenüber Haupteingang Zentralfriedhof), 1110 Wien

www.tfwien.at

November bis Ende Februar 8 bis 17 Uhr, März und 1. Oktober bis 2. November 7 bis 18 Uhr, April und September 7 bis 19 Uhr, Mai bis August 7 bis 20 Uhr

 




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